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SoZ - Sozialistische Zeitung, Februar 2006, Seite 5 Mohssen Massarat über den Kriegskurs gegen den Iran und seine Hintergründe«Keine Frage ob, sondern wann»Die iranische Initiative zum Aufbau einer eigenen Urananreicherungsanlage nehmen USA und EU derzeit zum Anlass, ihre Pläne zur Kontrolle über den Nahen Osten auszubauen trotz des Desasters im Irak. Dem Iran werden Technologien verweigert, die anderen Ländern, auch der Dritten Welt, zugestanden werden. Über den drohenden Krieg und mögliche Antworten der Antikriegsbewegung sprach Angela Klein für die SoZ mit MOHSSEN MASSARAT, dem aus dem Iran stammenden Professor für Politik und Wirtschaft an der Universität Osnabrück.
Wie akut ist deiner Meinung nach die Gefahr eines Krieges gegen den Iran? Die militärischen Vorbereitungen werden nicht mehr allzu lange Zeit benötigen. Die möglichen Angriffspläne liegen nach Informationen aller Experten und Insider fertig in den Schubladen. Was die politischen Entscheidungen betrifft: Wenn man Insidern der US-Regierung wie Seymour Hersh Glauben schenken kann, ist die Entscheidung auch hier schon längst gefallen. Die Frage ist also nicht mehr ob, sondern wann der Zeitpunkt für militärische Luftangriffe gegen iranische Atom- und Militäranlagen kommt. Dieser Zeitpunkt hängt davon ab, wie weit die Weltöffentlichkeit, vor allem die westliche und europäische, zweifelsfrei davon überzeugt werden kann, dass alle diplomatischen Mittel ausgereizt wurden und auf diesem Weg keine Lösung mehr möglich ist, dass jedoch andererseits auf jeden Fall verhindert werden müsse, dass der Iran ein Atomwaffenstaat wird. Dann wird das Argument von der militärischen Intervention als letztem Mittel wirksam. Wenn die Weltöffentlichkeit sich diese Meinung zu eigen macht — und wir sind ziemlich nah an diesem Punkt angelangt — dann wird zugeschlagen.Im Vorfeld des Irakkriegs gab es eine lange Periode, in der versucht wurde, das Regime im Irak zu isolieren — durch den Aufbau einer Koalition der Willigen und das Aufbrechen einer Solidarität unter den Regierung im Nahen Osten. Hast du den Eindruck, dass eine solche Koalition der Willigen heute schon steht? Die Koalition der Willigen für den Irakkrieg hatte vor allem die Funktion, die Staaten dafür zu gewinnen, dass sie am Bodenkrieg mitwirken. Dazu mussten die USA die Türkei und Saudi- Arabien als Länder gewinnen, von denen aus operiert werden sollte. Dies alles ist im Fall Iran nicht nötig, denn da wollen die USA unter keinen Bedingungen mit Bodentruppen intervenieren, sondern ausschließlich aus der Luft. Es wird immer behauptet, der Iran verstoße gegen das Völkerrecht, weil es sein Programm zur Urananreicherung wieder aufgenommen hat. Stimmt das? In der Sache stimmt das — aber nur bis 2002. Um das zu verstehen, muss man den Hintergrund kennen. Richtet sich die militärische Aggression überhaupt gegen die Tatsache, dass der Iran über Nukleartechnologie verfügt? Nein, nicht dagegen, dass der Iran Nukleartechnologie hat, sondern gegen die Anreicherung. Die Anreicherung kann sowohl militärisch wie auch zivil genutzt werden, sowohl für Atomkraftwerke wie auch zur Herstellung von Atomwaffen. Der Iran möchte das Uran bis zu 3% Konzentration anreichern können für den Einsatz in Atomkraftwerken auf eigenem Boden und ist auch bereit, diesen Prozess kontrollieren zu lassen, damit die Konzentration auf 100% ausgeschlossen ist. Dafür ist er bereit, mit Firmen zu kooperieren und sich der Kontrolle der IAEO zu unterstellen. Das akzeptieren die westlichen Mächte nicht, vor allem nicht die USA und die IAEO, auch die EU nicht, sie sagen: Wir wissen nicht, ob es bei der Anreicherung auf 3% bleibt. Es kann durchaus sein, dass der Iran eine parallele Anreicherungsanlage aufbaut, die relativ rasch zur Herstellung von Plutonium in der Lage wäre. Für die Antikriegsbewegung ist das eine schwierige Frage. Natürlich muss der Iran gegen eine militärische Aggression verteidigt werden. Gleichzeitig ist man grundsätzlich gegen den Besitz von Atomwaffen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand gut beraten wäre, dafür einzutreten, dass der Iran eine Atommacht wird. Es gibt da aber verschiedene Aspekte. Der iranische Staatspräsident vermittelt den Eindruck, als wollte er mit seinen antiisraelischen Ausfällen sein Volk auf einen Krieg vorbereiten. Den Eindruck habe ich auch. Ich gehe davon aus, dass er inzwischen die Möglichkeit eines Krieges als sehr hoch einschätzt und mit seinen antiisraelischen Angriffen dabei ist, die islamische Welt und die Araber für den Fall des Falles zu mobilisieren, um eine gemeinsame Front mit Hamas in Palästina, mit Hizbollah im Libanon, mit den Schiiten im Irak aufzubauen. Unter den arabischen Regierungen der Region hat der Iran keine Verbündeten? Syrien schon, aber ob Syrien dann mit dem Iran in den Krieg zieht, ist eine ganz andere Sache. Sonst sehe ich keinen Staat als Verbündeten. Gibt es eine konkrete Mobilisierungsperspektive, die du vermitteln kannst? Ja. Am 4./5.Februar findet in München der Gegengipfel zur NATO-Sicherheitskonferenz statt [siehe Seite 11]. Dort werden wir das Thema diskutieren. Ich habe zusammen mit dem Netzwerk Friedenskooperative den Vorschlag für eine Vermittlungspause ausgearbeitet. Wir schlagen vor, dass Kofi Annan eine Vermittlungskommission unter seinem Vorsitz einsetzt, in der exponierte Vertreter beider Seiten an Vorschlägen mitwirken, wie der Konflikt ohne Krieg bewältigt werden kann. Ich dachte an ehemalige Staatspräsidenten wie Bill Clinton, Gerhard Schröder, den ehemaligen iranischen Staatspräsidenten Mohammad Khatami, den früheren finnischen Präsidenten Martti Athissari und an zwei religiöse Persönlichkeiten, eine islamische und einen Vertreter vom Papst. Wir müssen Zeit gewinnen und die Eskalation, die derzeit im vollen Gang ist, durchbrechen. Informationen und Meinungen sollten keine Waren sein. Und Geld ist ein Fetisch. Dennoch und ganz praktisch: Die Online-SoZ sieht nur umsonst aus. Wir brauchen Eure Euros.
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